Mit Blüten bedeckte Retamabüsche schmücken die kleinen von den Regenströmen eingerissenen und durch die Seitenausbrüche verstopften Täler; unter der Retama folgt die Region der Farne und auf diese die der baumartigen Heiden. Wälder von Lorbeeren, Rhamnus und Erdbeerbäumen liegen zwischen den Heidekräutern und den mit Reben und Obstbäumen bepflanzten Geländen. Ein reicher grüner Teppich breitet sich von der Ebene der Ginster und der Zone der Alpenkräuter bis zu den Gruppen von Dattelpalmen und Musen, deren Fuß das Weltmeer zu bespülen scheint. Daß auf der Spitze des Piks die Dörfchen, Weinberge und Gärten an der Küste einem so nahe gerückt scheinen, dazu trägt die erstaunliche Durchsichtigkeit der Luft viel bei. Trotz der bedeutenden Entfernung erkannten wir nicht nur die Häuser, die Baumstämme, das Takelwerk der Schiffe, wir sahen auch die reiche Pflanzenwelt der Ebenen in den lebhaftesten Farben glänzen. Auf dieser Durchsichtigkeit beruht vornehmlich die Pracht der Landschaften unter den Tropen; sie hebt den Glanz der Farben der Gewächse und steigert die magische Wirkung ihrer Harmonien und ihrer Kontraste. Umsonst verlängerten wir unseren Aufenthalt auf dem Gipfel des Piks, des Momentes harrend, wo wir den ganzen Archipel der glückseligen Inseln würden übersehen können. Wir sahen zu unseren Füßen Palma, Gomera und die Große Canaria. Die Berge von Lanzarote, die bei Sonnenaufgang dunstfrei gewesen, hüllten sich bald wieder in dichte Wolken. Die Kälte, die wir auf dem Gipfel des Piks empfanden, war für die Jahreszeit sehr bedeutend. Das Thermometer zeigte im Schatten 2,7 Grad Celsius. Der Wind war West, also dem entgegengesetzt, der einen großen Teil des Jahres Teneriffa die heiße Luft zuführt, die über den glühenden Wüsten Afrikas aufsteigt. Trotz der Wärme, die man am Rande des Kraters unter den Füßen spürt, ist der Aschenkegel im Winter mehrere Monate mit Schnee bedeckt. Der heftige kalte Wind, der seit Sonnenaufgang blies, zwang uns, am Fuße des Piton Schutz zu suchen. Hände und Gesicht waren uns erstarrt, während unsere Stiefel auf dem Boden, auf den wir den Fuß setzten, verbrannten. In wenigen Minuten waren wir am Fuß des Zuckerhutes, den wir so mühsam erklommen, und diese Geschwindigkeit war zum Teil unwillkürlich, da man häufig die Asche hinunterrutscht. Ungern schieden wir von dem einsamen Ort, wo sich die Natur in ihrer ganzen Großartigkeit vor uns auftut. Wir gingen langsam durch das Malpays; auf losen Lavablöcken tritt man nicht sicher auf. Der Station bei den Felsen zu wird der Weg abwärts äußerst beschwerlich; der dichte kurze Rasen ist so glatt, daß man sich beständig nach hinten beugen muß, um nicht zu stürzen. Auf der sandigen Ebene der Retama zeigte das Thermometer 22,2 Grad, und dies schien uns nach dem Frost, der uns auf dem Gipfel geschüttelt, eine erstickende Hitze. Wir hatten gar kein Wasser; die Führer hatten nicht allein den kleinen Vorrat Malvasier heimlich getrunken, sondern sogar die Wassergefäße zerbrochen. In der schönen Region der Farne und der baumartigen Heiden genossen wir endlich einige Kühlung. Maultiere, die einige Tage von La Orotava aus brauchten, fährt das Auto in einer guten Stunde bis zur Talstation der seit 1971 bestehenden Teide-Seilbahn in 2356 m Höhe. In 8 Minuten erreicht die Seilbahn-Kabine die Bergstation in 3555 m Höhe auf dem schmalen Absatz der Rambleta; von hier aus muß dann noch der 163 m hohe Pitön in einem halbstündigen Fußmarsch bewältigt werden. Der Weg führt im Zickzack steil bergan, an schwefeligen Aushauchungen vorbei. Von Zeit zu Zeit zwingt die dünne Luft hier oben zum Verschnaufen. Endlich aber ist der Gipfel erreicht; es ist zwar nicht mehr so einsam hier oben wie zu Humboldts Zeiten — immerhin ist die Seilbahn pausenlos im Einsatz —, doch die Empfindungen angesichts des grandiosen Panoramas bleiben persönlicher Besitz jedes einzelnen. Eine Bergbesteigung zu Fuß bleibt auch heute noch ein nachhaltiges Erlebnis, um die Höhe des Teide erst richtig begreifen zu lernen und die am Weg liegenden Überraschungen dieser Landschaft entdecken zu können. Von der Cariadas-Straße zweigt bei Kst. 40,3 eine kurvenreiche Piste über helle Bimssteinfelder zur Montaila Blanca (2735 m) ab (beschildert). Vorbei an übermannshohen Lavabrocken aus Dolerit, die, will man mehreren wissenschaftlichen Quellen Glauben schenken, aus dem Teide-Krater herausgeschleudert worden sein sollen (?), fahren wir bis zum Ende der Piste, wo wir den Wagen stehenlassen und zu Fuß vom Gipfel der Montaiia Blanca ein Stück zurück zu einer tiefer gelegenen Senke laufen, um dann den schmalen Fußpfad hinauf zur Schutzhütte >Refugio de Altavista< (3260 m) einzuschlagen. An langen Sommertagen ist der Auf- und Abstieg zwar an einem Tag zu bewältigen, doch die Übernachtung in der Schutzhütte empfiehlt sich demjenigen, der den Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang auf dem Gipfel miterleben möchte. Schon vor Sonnenaufgang müssen bei Dunkelheit mit Fackelbeleuchtung der Führer die letzten 5oo Meter bis zum Gipfel zurückgelegt werden. Ein schmaler Weg klettert zwischen meterhohen Brocken schwarzbrauner Lava empor und macht den Aufstieg beschwerlich. Die bissige Kälte mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt verschlägt einem den Atem. Nach einer Stunde erreichen wir die Rambleta, von der es dann nicht mehr lange bis zum Gipfel dauert. Der lose gelbe Bims liegt hier knöcheltief und macht jeden Schritt recht beschwerlich. Endlich gelangen wir zum schützenden Krater; das unvergeßliche Schauspiel des Sonnenaufgangs beginnt. Während die Täler noch im blaugräulichen Dunkel liegen und die Gebirgszüge lange, dann sich immer rascher verkürzende Schatten werfen, erstrahlt in prachtvollem Orange der aufgehenden Sonne der großartige Schauplatz der Urelemente Feuer, Erde, Wasser und Luft.